Never judge too quickly…

Wer ist klüger? Der, der nicht in der Schule war oder der ertrinkende Hochschulabsolvent?

Puerto Viejo, Costa Rica, Januar 2015

Ich kenne diesen Strand. Punkt. Ich war hier unzählige Male, über Jahre hinweg. Zum Schwimmen, Lesen, Yoga, habe Stunden auf die Wellen geschaut, versucht zu surfen. Alles.

Dieser Winter ist ungewöhnlich nass und stürmisch. Es regnet immer wieder sintflutartig und die Tide ist etliche Meter höher als gewöhnlich. Cocles. Es ist der wildeste Abschnitt und daher bei Surfern mehr als beliebt. Für übermütige Touristen haben die beiden nahe gelegenen Hotels zwei Rettungsschwimmer installiert. Mit ihren roten Bojen sehen sie aus wie David-Hasselhoff-Doubles und machen auf mich eher den Eindruck, die Mädels abzuchecken, als tatsächlich zu arbeiten.

Ich genieße den Abend in einem der vielen kleinen Restaurants und sitze gemütlich vor meinem Essen, als genau die beiden Sunnyboys ankommen und sich zu mir setzen. Sie verwickeln mich in ein unnötiges Gespräch. Zuerst um höfliches Zuhören bemüht, langweile ich mich schnell und will einfach nur meine Ruhe. „Sind die hohl“, denke ich bei mir. Und sie sind gar kein Brüder, sondern Vater und Sohn. Na, auch das noch! Mein Zynismus kennt keine Grenzen.

Es ist ein sonniger Tag. Der erste in der ganzen Woche und der ganze Ort tummelt sich am Strand. Darunter eine Gruppe Surfanfänger, die mit ihren Brettern den halben Strand belagern. Ich möchte mich erfrischen und gehe ins Wasser. Ich weiß, wie stark die Strömung ist. Die Wellen kommen phasenweise von drei Seiten und mehr als „sich nass machen“ ist da nicht drin. Nur bis zur Hüfte im Wasser zerren die Wellen schon an mir. Da die Surfer mit ihren Brettern rumfuchteln, beschließe ich , mich etwas weiter östlich zu bewegen. Vielleicht zwei Meter. Aus Selbstschutz. Ich möchte kein Brett auf den Kopf kriegen. Ich tauche für einen Moment unter, lege mich auf den Rücken, lasse mich treiben und dann geht alles plötzlich sehr schnell: ich höre die Trillerpfeife und blicke auf. Verdammt! Der Rettungsschwimmer meint mich! Ich bin abgetrieben. Alle sind weit weg und ich bin im großen Bogen von der Stelle, an der ich ins Meer gegangen bin, entfernt. Der Rettungsschwimmer läuft am Strand auf mich zu und winkt. Ich sehe ihn. Wir halten Blickkontakt. Ich schwimme und schwimme und schwimme. Verdammt. Das Wasser kommt von allen Seiten. Ich komme etwas näher an den Strand, die Strömung zieht mich aber weiter östlich, sodass ich mich nicht annähre. Er lässt mich nicht aus den Augen. Über welche Entfernung! Als ich merke, dass mich meine Kräfte verlassen und ich beginne Wasser zu schlucken, hebe ich die Hand. Er eilt mir entgegen. Ich schwimme auf ihn zu, er kommt näher, ich greife nach der Boje und habe kurz darauf Boden unter den Füßen. Die Wellen zerren an mir, er führt mich aus dem Wasser zum Strand. Geschafft.

Was war das?

Die ganze Aktion hat keine fünf Minuten gedauert. Alle eilen herbei. „Das war ja gefährlich.“ Bla Bla. Ich höre sie nicht.

Für den Rest des Tages sitze ich nur noch da. Nachts schieße ich aus dem Schlaf. Überall Wellen. Ich fasse es nicht: Der Typ hat mein Leben gerettet. Ohne Übertreibung.

Am nächsten Tag schleiche ich am Strand entlang, tauche den großen Zeh ins Wasser. Reicht. Ich sehe den Rettungsschwimmer und laufe auf ihn zu. Ich falle ihm heulend um den Hals und schniefe meinen Dank, meine Wertschätzung, meine Angst und meine Entschuldigung an seinen Hals.

Es tut mir leid, was ich über ihn dachte. Ich habe ihm keine Chance gegeben. Fand ihn ungebildet. Meine Tränen finden überhaupt kein Ende mehr. Er erklärt mir noch genau, woran ich die Strömung erkennen kann, wie ich schwimmen muss, worauf ich achten soll. Ich bin ihm dankbar. Punkt. Und er sagt: „Ich danke dir, dass du meine Arbeit wertschätzt. Die meisten sehen nicht, was wir hier machen.“

Ich war eine von ihnen, denke ich still.

„Madame Anglais!“ – „Englische Dame!“

Dakar, Senegal, 2009

Ich stehe an einem Tankstellen ähnlichen Gebäude mitten im senegalesischen Hinterland und brauche ein Wasser. Es ist stickig und heiß und ich brauche nur kurz eine Pause bis die Fahrt wieder zurück nach Dakar führt.

„Madame Anglais!“ Eine kreischende Gruppe Schulkinder stürzt sich auf mich. Die uniformierten Kinder strahlen aus ihren großen Augen und lächeln übers ganze Gesicht. Sie fassen mich an, hängen wie ein Pulk an mir. Und ich? Ich bin überfordert. „Soll ich ihnen was schenken?“, frage ich den Fahrer. Die öffentlichen Verkehrsmittel seien zu gefährlich, daher muss ich mit einem privaten Chauffeur fahren, legte der Botschafter fest. Ich komme mir blöd vor.

„Sie freuen sich nur dich zu sehen.“ Okay. Ich lasse den Popstarrummel zu. Die Kinder scheinen wirklich glücklich zu sein, weil sie mich ANFASSEN dürfen. „Du bringst uns Glück, Tubab! Du bringst uns Glüüück“, jubeln sie und ich fühle mich schon wieder merkwürdig. Sie berühren meine Haut, ich streichle über ihr krauses Haar und da stehen wir und mir wird bewusst, dass die „große weiße Frau“, die ich in diesem Stück spiele, nichts mit der Frau zu tun hat, die ich wirklich bin.

Wieso denken diese Kinder, dass ich „aus Gold“ bin und Glück bringe? Weil ich weiß bin. Mir ist zum Heulen. Ich möchte eigentlich nur mit ihnen dort sitzen und wünschte, ich könnte wenigstens ein bisschen Wolof um zu erklären, dass sie irren. Meine Sprachlosigkeit ermüdet mich. Sie sind so herzlich, so strahlend glücklich, streichen mir über die Arme um ein wenig von meinem „Gold“ abzubekommen und ich freue mich einerseits über so viele Strahlemänner, die ja offenbar durch mein schlichtes Erscheinen glücklich sind, aber andererseits bin ich – peinlich berührt.

Meine Vorfahren haben eure Vorfahren verkauft und wie Tiere gehalten. Wisst ihr das? Wie gern würde ich eure Sprache sprechen. Und doch: wären sie noch genauso glücklich, mich zu sehen, wenn sie wüssten wieviel unsere Welten von einander trennt?